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Der Wolf im Spiegel

Ich stehe vor dem Spiegel und schaue mich an.

Nicht nur mein Gesicht. Sondern den Menschen dahinter.

An manchen Tagen sehe ich Zuversicht. An anderen Tagen sehe ich Zweifel. Die Stimme, die sagt: „Das schaffst du.“ Und die andere, die flüstert: „Wer glaubst du eigentlich, wer du bist?“

Früher dachte ich, ich müsste diese zweite Stimme irgendwie loswerden. Mich nur auf die gute Stimme zu konzentrieren.

Dann erinnerte ich mich an eine alte Geschichte, die oft als indianische Weisheit erzählt wird.

Ein alter Mann spricht mit seinem Enkel:

„In jedem von uns tobt ein Kampf zwischen zwei Wölfen.

Der eine Wolf ist voller Wut, Neid, Gier, Angst, Arroganz, Selbstmitleid, Lügen und Hass.

Der andere Wolf steht für Freude, Frieden, Liebe, Hoffnung, Mitgefühl, Güte, Dankbarkeit, Demut und Vertrauen.“

Der Enkel denkt einen Moment nach und fragt:
„Welcher Wolf gewinnt?“

Der alte Mann antwortet:
„Der, den du fütterst.“

Das, worauf du deine Aufmerksamkeit, Zeit und Energie richtest, wächst. Genau das macht diese Geschichte für mich so wertvoll. Denn welchen „Wolf“ wir regelmäßig füttern, prägt unser Denken und schließlich auch unser Handeln.

Als ich diese Geschichte zum ersten Mal hörte, klang sie so einfach.

Heute weiß ich: Die Angst wird nicht verschwinden. Auch Selbstzweifel werden immer wieder auftauchen. Aber ich entscheide, ob sie mein Leben lenken oder ob ich ihnen freundlich begegne und trotzdem weitergehe.

Es geht darum, jeden Tag bewusst zu entscheiden, wem ich meine Aufmerksamkeit schenke. Und das ist keineswegs einfach. Es ist ein bewusster Prozess, der tägliche Übung braucht.

Füttere ich die Gedanken, die mich klein halten?

Oder die, die mich wachsen lassen?

Der Spiegel zeigt mir nicht nur mein Äußeres. Er zeigt mir jeden Morgen eine Entscheidung.

Nicht die Entscheidung, perfekt zu sein.

Sondern die Entscheidung, freundlich mit mir selbst zu sprechen.

Mich nicht über jeden Fehler zu definieren.

Mir selbst das zu glauben, was ich anderen so selbstverständlich wünsche: Dass ich gut genug bin. Dass ich lernen darf. Dass ich wachsen darf.

Vielleicht schauen wir deshalb manchmal so lange in den Spiegel.

Nicht weil wir unser Gesicht suchen.

Sondern weil wir herausfinden möchten, welche Stimme heute unser Leben bestimmen wird.

Der Wolf, den wir füttern, wird nicht an einem einzigen Tag stark.

Er wächst durch die kleinen Entscheidungen.

Durch jeden Gedanken.

Jedes Wort.

Jede Handlung.

Jede Erfahrung.

Jeden Tag aufs Neue.

Und vielleicht beginnt genau dort Veränderung – in dem Moment, in dem wir unserem Spiegelbild begegnen und uns fragen:

Welchen Wolf füttere ich heute?

Vielleicht nimmst du dir heute einen Moment vor dem Spiegel – und stellst dir genau diese eine Frage.